Wer ist eigentlich dieser Wales?

Veröffentlicht auf von Fabian

Mal ehrlich: Wales ist für uns alle doch eine große Unbekannte. England, ja das kennt man, zumindest in London sollte man mal gewesen sein, auch wenn es da immer regnet. Schottland, das ist doch dort, wo die Männer stets das Idealmaß zwischen zu viel Testosteron (=Baumstammwerfen) und zu viel Östrogen (=Röcke tragen) vermissen lassen. Und in Irland, hach, Irland ist lustig. Grüne Kobolde, die den ganzen Tag warmes Bier trinken und Harfe spielend unter ihrem Regenbogen sitzen, wo sie einen Topf mit Gold bewachen. Aber was gibt’s in Wales? Genau. Deswegen habe ich mich in meiner freien Uniwoche, der sogenannten „Reading Week“, mit drei Unwissenden zusammengetan, in den gemieteten Fiat Grande Punto gesetzt und die Wissenslücken geschlossen. Ein Abenteuer bei Linksverkehr, sprachlichen Herausforderungen und einigen Überraschungen.

 

Route

 

Wie ihr seht, eine hübsche kleine Rundreise an der Küste entlang und zurück über zwei der größten englischen Städte, über die ich das nächste Mal schreiben werde. Im Landeszentrum ist wenig los, mit Ausnahme eines Nationalparks, den ich aber schon besucht habe. Die Route oben zeichnet übrigens ziemlich genau den Verlauf der walisischen Konturen nach, auch wenn die Grenze zu England ein wenig weiter westlich verläuft. Wichtig: Waliser legen Wert darauf, dass sie keine Engländer sind, sondern ein eigenständiges Volk. Wenn auch ein kleines: 2,9 Millionen Walisern stehen etwa 12 Millionen walisische Schafe gegenüber (Das stimmt wirklich!). Und die Präsenz der Schafe verhält sich antiproportional zur Siedlungsdichte der Menschen. Sprich: Süden=Menschen, Norden=Schafe.

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Der Start verlief optimal bei strahlendem Sonnenschein und für Ende Oktober nahezu fantastischem Wetter. Überhaupt hatten wir ziemlich Glück mit den Launen Petrus‘, geregnet hat es fast nur nachts und mit CIMG1069.JPGAusnahme des zweiten Tages hatten wir immer klare Sicht. Entlang der Südküste rund um Cardiff und Swansea gibt’s schon herrliche Ausblicke und eine wunderbare Natur, aber an der Südwest- und Westküste, der Pembrokeshire Coast, wird das Ganze noch übertroffen. Man fragt sich echt, ob man tatsächlich in Wales gelandet ist, so türkisblau ist das Wasser, so beeindruckend sind die Klippen, so außergewöhnlich die Tierwelt. Bei einem Bootsausflug zu einer kleinen Insel, Skomer, konnten wir wenige Tage alte Robben beobachten, bewacht von unzähligen geschützten Vogelarten. Etwas weiter nördlich, in New Quay, wo man bei gutem Wetter bis nach Irland (Kobolde und so) sehen kann, gab es die größte Überraschung. Delfine in Wales? Tatsache! Unglaublich! Hätte ich mir den Trip nach Kolumbien im letzten Jahr ja sparen können. :-)


Ebenso überraschend: Sprachlich hatten wir zu keiner Zeit Probleme mit den walisischen Akzenten. Entweder sind wir schon so gut im Training, oder das befürchtete Kauder-Welsh existiert gar nicht. Kurioserweise hatten wir die meisten Kommunikationsprobleme mit einem Typen aus Manchester, der uns eines Abends im Hostel gefragt hat, ob wir mit ins „Bubb“ gehen. Hä? Gemeint war ein Pub. Freak.

 

CIMG1197.JPGWas dann aber doch zu sprachlichen Stolpersteinen werden sollte, war die walisische Sprache, die man in Gesprächen zwar vermeiden kann, in Ortsnamen aber nicht. Im Süden und Südwesten von Wales haben alle Orte zwei Namen, einen walisischen und einen englischen. Zum Beispiel heißt Cardiff eigentlich Caerdydd, Newport eigentlich Casnewydd und Swansea eigentlich Abertawe. Im Westen und Norden haben die Städte (oder besser Orte, denn die meisten bewegen sich so zwischen 2000 und 15.000 Einwohnern) aber nur walisische Namen: Aberystwyth (hier hat ein gewisser britischer Thronfolger mit großen Segelohren studiert), Caerfarnon (hier wurde Besagter vor vielen Jahrzehnten zum „Prince of Wales“ gekürt) oder eben der alles andere je dagewesene spielend leicht übertreffende Zungenbrecher Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Das ist kein Scherz, der Ort heißt wirklich so. Ich empfehle an dieser Stelle die Audioversion des Wikipediartikels, macht Spaß :-) Das sind 58 Buchstaben. Achtundfündzig (!) und damit der längste Stadtname der Welt, sagt zumindest das Guinness Buch (und diesmal hat das nix mit Irland zu tun). Er bedeutet "„Marienkirche in einer Mulde weißer Haseln in der Nähe eines schnellen Wirbels und in der Gegend der Thysiliokirche, die bei einer roten Höhle liegt“." Bezeichnenderweise hat Llanfair PG, so die gängige Abkürzung, Städtepartnerschaften mit der französischen Metropole “Y” in der Picardie sowie mit der niederländischen Großstadt Ee...

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Apropos lustige Namen. Die gibt’s in Wales wirklich zu Hauf. Unseren aktivsten Tag hatten wir eigentlich für den „Snowdonia National Park“ reserviert, nur leider war das auch der feuchteste. Aufs Wandern wurde trotzdem nicht verzichtet, was gelinde gesagt eine beschissene SchnCIMG1174.JPGapsidee war. Sorry für die drastische Wortwahl, aber wenn ich meine komplett eingematschten Schuhe ansehe, vergeht mir sofort wieder die Lust. Daran konnte auch das Pubschild „muddy boots welcome“ nicht viel ändern. Das Beste an unserem vergeblichen Aufstieg auf den Mt. Snowdon (ca. 1000 Meter) war die Fahrt mit der historischen Eisenbahn. Die ARD sollte mal über eine Walesfolge für die Serie „Die schönsten Bahnstrecken“ nachdenken.

 

Unsere spontan gesuchten Hostels waren alle super, manchmal abgelegen, manchmal mit dezentem DDR-Flair, aber immer günstig und gemütlich. Weniger schön: Linksverkehr. Kann man den bitteschön abschaffen? Am schlimmsten ist es in den Kreiseln, auf Englisch roundabout. Ganz klar das Unwort unserer Fahrt, so oft hat der Typ in unserem Navi „Cross the roundabout“ gesagt. Umso schöner: Wirklich alle Menschen sind unheimlich nett, sowohl hier in der sehr internationalen Hauptstadt Cardiff als auch in der tiefsten Provinz. Immer ein nettes Wort, viel Toleranz für Ausländer und absolut nachahmenswert. Das ist sicherlich kein exklusiv walisisches Phänomen, aber in Liverpool war das dann schon wieder ganz anders, dazu später mehr. Ich hab zwar keinen persönlichen Stereotyp für die Waliser gefunden, das macht aber nix, denn man muss Wales einfach selbst erlebt haben, um sich seine Meinung zu bilden. Alle wichtigen Bilder  zur Meinungsbildung gibt's natürlich rechts im Fotoalbum!

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